Die von ihm entwickelten Algorithmen experimentell zu testen und zu sehen, dass sie auf der Hardware erfolgreich laufen, wird für Amit Devra immer einer der besten Teile seiner Forschung bleiben. Dass ihm innerhalb des Munich Quantum Valley verschiedene Hardwareplattformen und die entsprechende Expertise zur Verfügung stehen, betrachtet er als großen Vorteil. In seiner neuen Rolle als wissenschaftlicher Programmleiter für Quantencomputing bei der MQV gGmbH verschafft er sich ein noch umfassenderes Verständnis des gesamten Quantencomputing-Stacks und freut sich, viele verschiedene Perspektiven kennenzulernen.
Von Veronika Früh
„Ich wollte schon immer etwas anderes machen“, sagt Amit Devra auf die Frage, wie er Quantenwissenschaftler wurde. „Ich wollte etwas Technisches machen, aber kein Ingenieurwesen, weil es schon zu viele Ingenieure gibt.“, Aufgewachsen in Indien, sah er sich gerne Sendungen auf dem Discovery Channel und bei National Geographic an – „die wissenschaftlichen Geschichten haben mich schon immer fasziniert“. Was ihn faszinierte, war die Frage, wie die Dinge im Kern funktionieren. Da er in den meisten Schulfächern recht gut war, entschied er sich – hauptsächlich nach dem Ausschlussverfahren – für die Physik. „Mathematik war mir zu abstrakt, Chemie und Biologie lagen mir etwas zu fern, und Physik war das Fach, das ich voll und ganz nachvollziehen konnte“ erinnert er sich lachend.
In den letzten Jahren seines integrierten Bachelor-Master-Studiengangs in Physik am Indian Institute of Science Education Research in Mohali begann Amit, sich immer intensiver mit Quantenmechanik zu beschäftigen. „Auf Empfehlung eines meiner Professoren habe ich angefangen, dieses Buch von Griffiths über Quantenmechanik zu lesen“ – die Introduction to Quantum Mechanics, ein Klassiker in diesem Fachgebiet – „und darin wird sehr gut erklärt, welche Probleme es gibt, die man mit der klassischen Mechanik nicht lösen kann.“ Für Amit bedeutete die Frage, wie man diese Probleme lösen könne, einen Wandel in seiner Denkweise und weckte sein Interesse an der Quantenmechanik. Während seines Masterstudiums beschäftigte er sich mit Quantencomputing mittels Kernspinresonanz (NMR), das, wie der Physiker erklärt, zu den frühesten Demonstratoren von Quantencomputern zählt, und entwickelte einen Quantenkontrollalgorithmus zur Implementierung von Drei-Qubit-Gattern. Dies war letztlich auch der Grund, warum Amit nach Deutschland und insbesondere an die TU München kam. „Einer der Pioniere dieser Methode der numerischen Optimierung ist Steffen Glaser. Ich habe seine Arbeit verfolgt, und als er zu einer Konferenz nach Indien eingeladen wurde, habe ich ihn dort getroffen“, erzählt Amit und erinnert sich an seinen ersten Kontakt mit dem TUM-Professor, der später sein Doktorvater werden sollte. „Ich habe ihm von meiner Arbeit erzählt, und so hat alles angefangen. Ich habe beschlossen, nach Deutschland zu ziehen, und rückblickend war das meiner Meinung nach eine sehr gute Entscheidung.“
Während seiner Promotion beschäftigte sich Amit sowohl mit der theoretischen Seite des Quantencomputings – der Entwicklung von Quantenalgorithmen – als auch mit deren experimenteller Umsetzung auf Quantencomputern. Was ihm half, die Quantenmechanik zu begreifen, die oft als ein eher kontraintuitives Thema angesehen wird, ist sein Ansatz, Probleme durch Programmieren zu verstehen. „Ich versuche immer, alles, was ich in den Gleichungen sehe, zu programmieren“, erklärt der Physiker, denn das Schreiben des Codes Zeile für Zeile helfe ihm, das Problem zu zerlegen. „Natürlich ist die Visualisierung noch einmal eine Stufe höher“, fügt er hinzu und betont, wie entscheidend Visualisierungstechniken für das Verständnis der Quantenmechanik und, im nächsten Schritt, von Quantentechnologien wie dem Quantencomputing sind. In seiner Forschung arbeitete Amit mit der sogenannten DROPS-Darstellung (Discrete Representation of Operators for Spin Systems), die Multi-Qubit-Systeme und Quantenoperatoren direkt als dreidimensionale, tropfenförmige Objekte visualisiert. „In meiner Doktorarbeit ging es vor allem um die Frage, ob man diese abstrakte Visualisierungstechnik auf etwas experimentell Messbares abbilden kann“, erklärt der Physiker, sodass man sehen könnte, ob es sich nur um ein abstraktes Konzept handelte oder um etwas, das experimentell reproduziert werden konnte. „Wir haben einige Algorithmen entwickelt, um über die bestehenden Grundlagenstudien hinauszugehen, und zudem einige Experimente zum Proof-of-Concept auf IBM-Systemen durchgeführt“, sagt er. Während seiner Promotion und Postdoc-Zeit konzentrierte sich Amit zudem auf die Quantenkontrolle. „Das bedeutet, wie man die Qubits in einem Quantensystem so steuert, dass bestimmte Operationen mit sehr hoher Genauigkeit realisiert werden können – was für nützliche Quantencomputing-Anwendungen entscheidend ist“, erklärt der Physiker. Was dabei immer gleich blieb, war die Freude daran, seine Algorithmen auch experimentell zu testen.
Es sind diese Momente, in denen er sehen kann, dass die von ihm entwickelten Algorithmen in Demonstrationsexperimenten auf der Hardware tatsächlich funktionieren, die Amit am meisten schätzt. „Das ist immer ein Grund zum Aufatmen“, sagt er, „wenn das, was man entwickelt, nicht nur reine Theorie oder Simulationen sind, sondern man es tatsächlich experimentell messen kann.“ Durch seine Forschungstätigkeit im Rahmen des Munich Quantum Valley erhielt er zudem die Möglichkeit, seine Experimente auf verschiedenen Hardwareplattformen durchzuführen und sich sowohl mit der Steuerung von supraleitenden Qubits als auch von Neutralatom-Qubits zu befassen. „Es ist wirklich toll, dass wir innerhalb des MQV über sehr fundiertes Fachwissen aus beiden Hardwarebereichen verfügen“, sagt der Wissenschaftler.
Position
Scientific Program Lead Quantum Computing
Institut
MQV gGmbH
Studium
Physik
Im Rahmen seiner Forschung entwickelt und implementiert Amit Quantenalgorithmen und setzt dabei abstrakte Visualisierungstechniken in experimentell reproduzierbare Ergebnisse um. Als wissenschaftlicher Programmleiter für Quantencomputing bei der MQV gGmbH koordiniert er die Forschung zum kompletten Quantencomputing-Stack des Munich Quantum Valley und eignet sich dabei umfassendes Wissen über die gesamte wissenschaftliche Arbeit innerhalb des MQV an.
Während seiner Promotion übernahm Amit neben seiner Forschungsarbeit die Rolle als Koordinator des „Hardware Adapted Theory“ (HAT)-Konsortiums des Munich Quantum Valley. Als sein Doktorvater, Steffen Glaser, ihn im dritten Jahr seiner Promotion fragte, ob er diese neue Aufgabe übernehmen wolle, zögerte Amit nicht. „Für mich war das sehr spannend“, sagt er, „denn als Koordinator beschäftigt man sich nicht nur speziell mit seinem eigenen Thema, sondern hat die Möglichkeit, das breitere Spektrum dieses Konsortiums zu betrachten.“ Nun, da seine Postdoc-Zeit zu Ende geht, hat er seine Position als HAT-Koordinator niedergelegt und eine noch umfassendere Koordinierungsrolle als wissenschaftlicher Programmleiter für Quantencomputing in der MQV gGmbH übernommen. Damit geht die Notwendigkeit einher, sich nicht nur einen Überblick über die Arbeit innerhalb eines der Forschungskonsortien zu verschaffen, sondern über die gesamte wissenschaftliche Arbeit innerhalb des MQV. „Das ist wirklich keine leichte Aufgabe“, räumt Amit ein. „Als wissenschaftlicher Programmleiter ist es sehr wichtig, die verschiedenen Ebenen des Quantencomputing-Stacks zu kennen. Da ich aus einem spezifischen Fachgebiet komme, habe ich das Verständnis dafür und natürlich auch einen allgemeinen Überblick über verschiedene Themen“, erklärt der Physiker. „Aber jetzt muss ich mich intensiv mit dem gesamten Gebiet befassen, um wirklich zu erkennen, was wichtig ist, was getan werden muss und wie wir eine Strategie darauf aufbauen sollten.“ Kurz gesagt: Es ist ein laufender Prozess, und er eignet sich eine Menge neues Wissen an, wie er es beschreibt. Ein Prozess, der ihm sehr viel Freude bereitet. „Es ist spannend, den gesamten Quantencomputing-Stack des Munich Quantum Valley zu betrachten“, betont er. Er mag es, all die verschiedenen Perspektiven kennenzulernen und mit den unterschiedlichsten Menschen zu sprechen, die im MQV involviert sind. „Ich finde es wirklich spannend zu sehen, an welchen Themen gearbeitet wird, wie wir international aufgestellt sind, und darüber nachzudenken, was innerhalb des MQV in Zukunft getan werden sollte und wie wir die nächste Phase entsprechend planen sollten.“
Die erweiterte MQV-Community ist für Amit etwas ganz Besonderes. „Ich halte es für eine weltweit einzigartige Konstellation“, sagt der Program Lead, „denn hier ist das Fachwissen für verschiedene Hardware-Bereiche vorhanden – sowohl für supraleitende Systeme als auch für neutrale Atome –, und man muss nicht lange suchen, um auch an gefangene Ionen heranzukommen. Und natürlich gibt es die Software- und Theoriegruppen, die in München ebenfalls sehr stark sind und international Spitzenpositionen einnehmen.“ Zusammen mit einigen großen Namen der Community und engen Verbindungen zu Unternehmen der Branche ist das wachsende Ökosystem sehr lebendig, wie Amit sagt. „Wann immer man all diese Experten bei verschiedenen Veranstaltungen unter einem Dach trifft, ist es sehr spannend zu sehen, wohin sich das gesamte Fachgebiet entwickelt“, sagt er. „Die Quanten-Community in München und auf der ganzen Welt wächst ständig weiter.“
Jungen Wissenschaftler:innen, die versuchen, ihren eigenen Platz in diesem wachsenden Forschungsgebiet zu finden, rät Amit, ein Thema zu suchen, das wirklich ihren eigenen Interessen entspricht, und nicht einfach etwas zu tun, nur weil es cool klingt. „Quantenwissenschaft und -technologie ist ein sehr weites Feld“ , erklärt er, „und ich denke, der beste Einstieg ist das Masterstudium, in dem man verschiedene Themen kennenlernt und sich dann seine Nische aussuchen kann. Es gibt so viel zu lernen, und es ist wichtig, dass man sich auf das konzentriert, was man wirklich tun möchte.“ Im Rückblick auf seine eigene Promotion betont Amit zudem, dass die Forschung eine Herausforderung ist – aber genau so solle es auch sein. „Bei der Promotion geht es nicht nur darum, Artikel zu veröffentlichen. Wenn man das schafft, ist das natürlich perfekt. Aber ich denke, es geht eher darum, zu lernen, wie man forscht“, fährt er fort. „Man wird an manchen Stellen scheitern. Aber Beharrlichkeit ist hier der Schlüssel; man versucht einfach, eine andere Lösung zu finden.“ Einen Schritt zurückzutreten, aus der „mentalen Blase der Lösung dieses bestimmten Problems“ herauszukommen, wie er es ausdrückt, und zu versuchen, das Problem aus einer anderen Perspektive anzugehen – das hat Amit in solchen Situationen immer geholfen.
Eine Strategie, die auch in seiner aktuellen Position nützlich ist, die „sehr dynamisch und alles andere als langweilig“ ist, wie Amit es zusammenfasst. „Man steht jeden Tag vor neuen Herausforderungen, die man meistern muss“, sagt er. „Und das hilft mir, mich als Mensch weiterzuentwickeln. Und als Manager. Auch als Forscher.“ Auch wenn seine eigene Forschung derzeit nicht im Mittelpunkt steht, hofft er, sich weiterhin damit beschäftigen zu können. Er arbeitet gerne am Code, lernt gerne Neues, liest Fachartikel und setzt sich intensiv mit deren Details auseinander: „Mal sehen, was die Zeit zulässt, aber wenn ich es noch schaffe, etwas zu forschen, fände ich das wirklich wunderbar.“
Veröffentlicht am 31. Juli 2026; Interview am 18. Juni 2026