Rosaria Cercola liegt es besonders am Herzen, durch die Übersetzung exzellenter Forschung in Innovation echte Wirkung zu erzielen. Als Venture Managerin beim TUM Venture Lab Quantum / Semicon unterstützt sie Start-ups im Ökosystem des Munich Quantum Valley bei diesem Prozess.
Von Veronika Früh
Als Rosaria Cercola sich entschied, sich in ihrer Doktorarbeit auf physikalische Chemie zu konzentrieren, hatte sie eines ganz besonders im Blick: Es sollte keine umfangreichen Laborarbeiten erfordern. „Bevor ich an die Universität kam, stand ich noch nie in einem Labor. Wäre das anders gewesen, hätte ich vielleicht gar nicht erst Chemie studiert“, erinnert sie sich lachend. „Ich glaube, es läuft darauf hinaus, dass man entweder jemand ist, der sich gut auf Details konzentrieren kann und besonders vorsichtig ist, oder eben nicht. Und ich bin es wirklich nicht – ich stoße gegen Dinge, ich vergesse Sachen, und in einem Chemielabor muss man genau wissen, was man tut, was man mischt, und man muss sehr präzise sein. Für mich war das immer ein bisschen herausfordernder, als es hätte sein sollen.“ Aber die Faszination dafür, wie man Materie verstehen und sogar manipulieren kann, war immer da. Auf der weiterführenden Schule lernte Rosaria bereits ein breites Spektrum an wissenschaftlichen Themen kennen und mochte die meisten davon. Chemie war jedoch etwas, das sie besonders begeisterte und in dem sie gut war, daher war es für sie nur natürlich, diesen Weg einzuschlagen.
Nach Abschluss ihres Bachelor- und Masterstudiums in Chemie an der Universität Neapel beschloss Rosaria, Italien zu verlassen, um in York, England, zu promovieren und sich ihren lang gehegten Traum vom Leben in Großbritannien zu erfüllen. „Ich war zum ersten Mal in London, als ich 17 war, habe mich sofort in die Stadt verliebt und wollte unbedingt, unbedingt, unbedingt wieder dorthin“, erzählt sie. „Natürlich ist York nicht London, aber das Promotionsprojekt dort war wirklich cool, deshalb bin ich dahin gezogen.“ In ihrem Projekt führte die Chemikerin Gasphasenspektroskopie an Molekülionen durch – im Grunde genommen beschoss sie gefangene Ionen mit einem Laser bei verschiedenen Wellenlängen, wie sie erklärt, um photochemische Reaktionswege zu untersuchen. In ihrem Versuchsaufbau konnte sie die Ionen bei ihrer Fragmentierung verfolgen, Fragmentierungsmuster analysieren und erkennen, wo sich schwächere Bindungen befinden. Zu erforschen, wie die Dinge auf dieser winzigen Ebene funktionieren und wie präzise alles abläuft, fand Rosaria unglaublich faszinierend.
Abgesehen von der spannenden Forschung bedeutete der Umzug nach York auch, sich mit einer neuen Kultur auseinanderzusetzen – sowohl innerhalb als auch außerhalb der akademischen Welt –, was für die Wissenschaftlerin zugleich eine Herausforderung und eine bereichernde Erfahrung war. „Anfangs war es ein Schock für mich, denn ich komme aus Süditalien“, erinnert sich Rosaria. „Ich musste lernen, mit Menschen zu sprechen, ohne sie zu verschrecken. Ich bin von Natur aus laut, umarme gerne, bin gerne in engem Kontakt mit anderen – und das wird dort vielleicht nicht so sehr geschätzt. Doch nach einigen Monaten lief alles reibungslos. Was sie besonders schätzte, war die sehr aufgeschlossene, unterstützende akademische Kultur, die sie erleben durfte, sowie ein großartiger Betreuer, der ihr auf ihrem Weg zur Seite stand. Für Rosaria ging es bei ihrer Promotion also nicht nur um die Forschung, sondern vor allem auch darum, sich selbst besser kennenzulernen, als Person zu wachsen und ihren eigenen Weg zu finden. „Ich hatte die psychologische Sicherheit zu sagen: Vielleicht ist das nicht mein Weg, aber ich habe die Zeit und die Unterstützung, um weitere Dinge auszuprobieren“, sagt sie und offenbart damit ihre offene Persönlichkeit. „Ich habe gelernt, dass Forschung für mich eine zu einsame Arbeit ist. Ich bin lieber mehr mit Menschen in Kontakt und arbeite lieber direkt mit anderen zusammen.“
Diese Ambivalenz – einerseits eine tiefe Faszination für wissenschaftliche Themen, andererseits der Wunsch, nicht direkt in der Forschung tätig zu sein – prägte Rosarias weitere berufliche Laufbahn maßgeblich. Nach ihrer Promotion arbeitete sie zunächst als freiberufliche Wissenschaftsautorin. Als sie ihrem Partner nach Austin, Texas, folgte – „du hast von dem Zwei-Körper-Problem gehört, oder…“ – hatte sie die Gelegenheit, diese Art von Arbeit auszuprobieren, und entdeckte dadurch ihre Freude am Schreiben wieder. „Irgendwie habe ich irgendwann an der Universität beschlossen, dass ich die Wissenschaftlerin bin, und mich in eine kleine Schublade gesteckt“, erklärt Rosaria. Kreativ zu sein und Freude am Schreiben zu haben, passte damals nicht in diese Schublade, und es dauerte eine Weile, bis sie sich von diesem Selbstbild befreien konnte. Als Autorin übersetzte sie komplexe Themen in Formate, die für ein breites Publikum zugänglicher sind, um die Kluft zu schließen, die sie zwischen Forschung und der breiten Öffentlichkeit wahrnahm. „Was mir an der akademischen Welt nicht gefiel, war, wie abgeschottet sie in ihrem Elfenbeinturm ist, und diese Kluft sollte überwunden werden“, sagt sie. Deshalb lagen ihr Aktivitäten zur Wissenschaftsvermittlung schon immer am Herzen, und später wurde sie Redaktionsassistentin bei „Science in School“, einer Zeitschrift für Lehrer:innen in den Naturwissenschaften. „Was mir an den Outreachaktivitäten, die wir mit Kindern durchführten, besonders gefiel, war, diesen Funken wieder zu sehen“, sagt sie. „Als Kind ist man immer ein Wissenschaftler. Man lernt ständig Neues und wendet dabei im Grunde die wissenschaftliche Methode an. Man probiert etwas aus, es funktioniert nicht. Man versucht es erneut, und wenn es beim zehnten Mal immer noch nicht klappt, ändert man die Vorgehensweise, bis man herausfindet, wie es funktioniert. Das ist absolut natürlich.“ Wissenschaft unterhaltsam zu gestalten, ist nach Rosarias Meinung der richtige Weg, um mehr Menschen für die Forschung zu begeistern.
Position
Venture Managering
Institut
TUM Venture Lab Quantum / Semicon
Studium
Chemieder
Rosaria unterstützt als Venture Managerin Gründer:innen und Start-ups dabei, ihre Ideen aus der Wissenschaft in die industrielle Anwendung zu bringen und sich in der Welt des Unternehmertums zurechtzufinden. Ihre besondere Leidenschaft gilt dabei der Kontakt zu einer vielzahl an unterschiedlichsten Menschen und dem Aufbau von Netwerken und Gemeinschaften.
Viele Menschen für Wissenschaft und Forschung zu begeistern, ist wichtig, doch für Rosaria fehlte noch ein wesentlicher Aspekt – nämlich die Frage, wie akademische Ergebnisse in Innovationen umgesetzt werden, um wirklich etwas zu bewirken. „Zu diesem Zeitpunkt verfolgte ich bereits diese Bewegung, die sich ‚80.000 Stunden‘ nennt“, erinnert sie sich. „Das ist die Zahl, die wir der Gesamtzahl der Arbeitsstunden in unserem Leben zuweisen. Und wenn man darüber nachdenkt, ist das wirklich eine enorme Menge. Wahrscheinlich schlafen wir nur mehr als das. Die Bewegung schlägt vor, dass man die Dinge tut, die für einen selbst die größte Wirkung haben. Dass man seine Berufung findet und versucht, sich dafür einzusetzen.“ Also suchte sie nach einer Aufgabe, in der sie diese Wirkung erzielen konnte. Für Rosaria liegt diese vor allem in den Bereichen Innovation und Start-ups. Durch ihren Einstieg beim TUM Venture Lab Quantum / Semicon (VLQS), Münchens Innovationszentrum für Quantentechnologien, das Teil von MQV ist, tauchte sie in diese Welt des Unternehmertums ein. „Der Kern meiner Arbeit besteht darin, Start-ups dabei zu helfen, ihre Bedürfnisse zu verstehen, einige ihrer Hindernisse aus dem Weg zu räumen und sie dabei zu unterstützen, den nächsten Schritt zu gehen“, erklärt sie.
München ist Rosarias Meinung als VLQS-Venture-Managerin nach ein sehr guter Standort für Tech-Start-ups. „Hier wird großartige Forschung betrieben. Und das nicht nur aktuell, sondern schon seit 30, 50, 60 Jahren“, sagt sie und betont, wie wichtig dieser Grundstein ist, auf dem man aufbauen kann. „Es gibt Risikokapital, und auch die Ministerien zeigen großes Interesse an all dem“, fährt sie fort. „Aber ich denke, der Schlüssel in München ist, dass die Industrie hier sehr präsent ist – das gibt es nicht überall.“ Die Vernetzung von Gründer:innen oder jungen Start-ups mit einem Industrienetzwerk stärkt ihre unternehmerische Kompetenz und hilft ihnen beim Wachstum. Und vor allem stellt sie sicher, dass die exzellente Forschung in Lösungen für ein reales Problem mündet. „Normalerweise geht man bei Innovationen von einem Problem aus. In diesem Fall muss man jedoch von einer Lösung ausgehen“, erklärt Rosaria. „Das ist ziemlich schwierig, und dabei unterstützen wir die Wissenschaftler:innen im Venture Lab.“ Für Rosaria hängt die Gründung eines erfolgreichen Start-ups maßgeblich vom Ökosystem ab – neben Münchens exzellenter Forschung und Technologie braucht es Mentor:innen und Expert:innen, jemanden, der bereits Produkte entwickelt hat, sowie Mitgründer:innen mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund ebenso wie das Geld und die Risikokapitalgeber, die das Potenzial in einer Idee erkennen und darauf vertrauen. „Wie wir immer sagen: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Start-up aufzubauen“, fasst sie zusammen. „Und mittlerweile haben wir eine ganze Reihe von Start-ups, die aus dem Munich Quantum Valley und dem Münchner Quantenforschungs-Ökosystem hervorgegangen sind.“
Was Rosaria an ihrer Arbeit als Venture Managerin mittlerweile am meisten genießt, ist genau das, was ihr in der Wissenschaft zuvor gefehlt hat: „Auf jeden Fall die zwischenmenschlichen Kontakte! Ich liebe es, mit Menschen zu sprechen und all diese wirklich coolen Wissenschaftler:innen kennenzulernen, denn es erfordert einiges an Mut, den Sprung von der reinen Wissenschaft ins Unternehmertum zu wagen.“ Zu sehen, wie die von ihr unterstützten Teams ihre Roadmap umsetzen, im Labor einen Durchbruch erzielen, ein Produkt auf den Markt bringen oder Finanzmittel sichern, macht sie besonders stolz. „Es ist wirklich komisch, sie leisten eigentlich die ganze Arbeit, aber irgendwie bin ich wirklich stolz auf sie“, sagt sie. Vielleicht liegt es daran, dass sie sich noch gut daran erinnert, wie steil die Lernkurve war – und immer noch ist –, als sie selbst zum ersten Mal in die Welt des Unternehmertums und der Wirtschaft eintauchte, was sich manchmal so anfühlte, als müsste sie eine ganz neue Sprache lernen. „Ehrlich gesagt war das vor nicht allzu langer Zeit ein Thema, das mir völlig unbekannt war“, sagt sie. Dass sie zu Beginn ihrer Tätigkeit bei VLQS mit der Organisation von unternehmerischer Ausbildung und Öffentlichkeitsarbeit betraut wurde, half Rosaria dabei, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass ihr noch Wissen fehlte, und beschloss, neben ihrer Arbeit einen Executive Master of Business Administration an der POLIMI Graduate School of Management zu absolvieren. Dieser ergänzt ihren wissenschaftlichen Hintergrund in Chemie und Physik um technologische und wirtschaftliche Perspektiven. Wöchentliche Vorlesungen, Gruppenarbeiten, Hausaufgaben – auch wenn ein Großteil des Programms remote und asynchron stattfindet, da es für Berufstätige konzipiert ist, erfordert es dennoch viel Zeit. Sogar mehr, als Rosaria angenommen hatte. Aber sie liebt die Herausforderung und genießt es, wieder Studentin zu sein: „Es ist eine ganz andere Erfahrung als das Chemiestudium“, sagt sie. „Es ist wirklich cool.“
Als ob das noch nicht genug wäre – „wer braucht schon Schlaf, oder?“ – gründete Rosaria UniConNet, eine italienische Plattform, die Hochschulabsolvent:innen dabei hilft, ihren Weg in die Berufswelt zu finden. „In Italien haben Studierende nicht die Erfahrung mit studentischen Tätigkeiten, wie es hier der Fall ist“, erklärt sie. „Niemand hat ihnen erklärt, wie man einen Lebenslauf schreibt, worauf man bei einem Job achten muss oder welche Karrieren es gibt.“ Da sie sich auch an ihren eigenen Bedarf an Mentoring in dieser Zeit erinnert, baut Rosaria dieses Unterstützungsnetzwerk auf – um es all jenen, die nachkommen, leichter zu machen.
Letztendlich führt alles auf ihre Liebe zur Arbeit mit Menschen und zum Aufbau von Gemeinschaft zurück. „Uns gibt es seit fünf Jahren und wir sind etwa 20 Leute, allesamt Freiwillige“, erzählt sie. „Und ich finde, das ist wirklich etwas Besonderes, wenn man dieses Engagement von Menschen hat, anderen zu helfen.“ Der Kontext von UniConNet mag sich von ihrer Arbeit bei VLQS unterscheiden, doch beide vereinen ein Motto, das Rosaria sehr am Herzen liegt: „We lift as we climb, nicht wahr?“
Veröffentlicht am 30. September 2026; Interview am 4. Juli 2026