Als Burak Mete sich für ein Informatikstudium entschied, tat er dies zunächst aus pragmatischen Gründen. Doch dann, im ersten Semester seines Masterstudiums, entdeckte er seine Leidenschaft für das Quantencomputing. Heute gestaltet der Informatiker den Weg hin zu fehlertolerantem Quantencomputing aktiv mit und entwickelt effiziente Steuerungssoftware für die Quantenfehlerkorrektur. Besonders motiviert ihn dabei die enge Zusammenarbeit mit Theoretiker:innen und Experimentalphysiker:innen.
Von Maria Poxleitner
„Schon bei meinen allerersten Vorlesungen zum Thema Quantencomputing war ich von diesem Thema fasziniert. Das war alles so neu und spannend für mich“, erinnert sich Burak Mete. Damals, im ersten Semester seines Masterstudiums an der Technischen Universität München (TUM), habe er viele Kurse belegt, erzählt der Informatiker, doch sein Hauptaugenmerk habe auf dem Quantencomputing gelegen. Er beschäftigte sich viel intensiver mit der zugrunde liegenden Physik als es die für Informatiker konzipierten Kurse erforderten. „Man greift auf Physiklehrbücher zurück und findet sich plötzliche lernend vor“, schildert Burak die Situation als sei das ganz ohne sein eigenes Zutun passiert. „Ich musste das nicht tun. Ich war einfach begeistert.“ Aufgrund der COVID-19-Pandemie habe er zudem reichlich Zeit gehabt. Vielleicht einer der positiven Aspekte der Pandemie, fügt er nachdenklich hinzu. „Ich glaube, in dieser ersten Phase habe ich meine Leidenschaft entdeckt.“ Damals wusste er noch nicht, dass die Community, die sich mit diesem Thema beschäftigt, bereits so groß war. „Vor allem München ist mittlerweile einer der größten Knotenpunkte weltweit. Das war mir nicht bewusst. Aber gegen Ende meines Masterstudiums wurde mir klar: ‚Okay, hier gibt es tatsächlich viel zu tun. Ich könnte tatsächlich eine Karriere in diesem Bereich einschlagen.‘“
Heute, ein paar Jahre später, arbeitet der 29-Jährige als Software Solution Architect bei der Munich Quantum Valley (MQV) gGmbH. Seit August ist er dort Teil des Software-Teams. Burak sitzt an seinem Schreibtisch im Großraumbüro auf dem Forschungscampus Garching und erklärt, worauf er sich in seiner neuen Rolle fokussieren wird: „Steuerungssoftware für die Quantenfehlerkorrektur zu entwickeln und in den Munich Quantum Software Stack zu integrieren ist der Teil, den ich leite, und der für mich oberste Priorität hat.“ Der Munich Quantum Software Stack (MQSS) ist eine Sammlung von Softwarepaketen, die darauf ausgelegt sind, Quantencomputing auch für Anender:innen ohne Fachwissen zugänglich zu machen. Bei heutigen herkömmlichen Computern ist dies schon lange der Fall – jeder nutzt einen Laptop oder ein Smartphone, ohne wissen zu müssen, was auf Software- und Hardwareebene vor sich geht.
Mit MQSS befasst sich Burak bereits seit ein paar Jahren. Nach Abschluss seines Masterstudiums wechselte er zum Leibniz-Rechenzentrum (LRZ), um dort zu promovieren. „Ich habe von ihrer Vision gehört, verschiedene Arten von Quantencomputern zu betreiben, wie zum Beispiel supraleitende, Ionenfallen- und Neutralatom-Quantencomputer. Außerdem sollte ein Software-Hub entwickelt werden, der die Anwenderseite mit diesen Quantenmaschinen verbindet. Das gesamte Vorhaben klang sehr spannend für mich.“ Dieser Software-Hub, der heute als MQSS bekannt ist und den das LRZ im Rahmen von MQV in Zusammenarbeit mit zwei Lehrstühlen der TUM entwickelt, steckte damals noch in den Kinderschuhen. „Wir haben mit einem ganz einfachen Webserver angefangen. Das war als ich dazugekommen bin. Ich habe von Anfang an mitbekommen, wie sich der Stack entwickelt hat." Burak selbst hat an verschiedenen Komponenten des Software-Stacks gearbeitet, angefangen bei Transpilern, die einen gegebenen Quantenschaltkreis so umschreiben, dass es zu den Eigenschaften der für die Berechnung verwendeten Quantenhardware passt, über sogenannte Adapter, die es Anwender:innen ermöglichen, über verschiedene Quantenprogrammier-Frameworks wie Qiskit oder Pennylane auf MQSS zuzugreifen, bis hin zu automatisierten Workflows für hybrides Quantencomputing. „Ich würde hybrides quanten-klassisches Rechnen als das Paradigma zusammenfassen, bei dem man sowohl Quantencomputer als auch klassische Hochleistungsrechner benötigt, um ein Problem zu lösen, und bei dem diese beiden unterschiedlichen Systeme miteinander kommunizieren müssen“, beschreibt Burak die Aufgabe, an der er am meisten gearbeitet hat.
Position
Software Solution Architect
Institut
MQV gGmbH
Studium
Informatik
Bei der MQV gGmbH ist Burak dafür zuständig, effiziente Abläufe und Routinen für die Quantenfehlerkorrektur softwareseitig zu entwickeln und zu implementieren. Dies erfordert eine enge Zusammenarbeit mit Kolleg:innen aus den Bereichen Theorie und Hardware.
Wenn Burak heute auf die erste Förderphase des MQVs zurückblickt, zieht er ein positives Resümee: „Ich finde, diese erste Phase ist wirklich gut gelaufen. Was wir aufgebaut haben, ist großartig.“ Was als Proof-of-Concept begonnen habe, habe mittlerweile vielen verschiedenen Anwender:innen aus Forschung und Industrie gedient. Mit dem bevorstehenden Zeitalter des fehlertoleranten Quantencomputings gebe es jedoch noch viel mehr, was man tun könne, fährt Burak fort. „Fehlertoleranz schlägt ein ganz neues Kapitel auf.“ Seine neue Augabe die softwareseitige Integration der Quantenfehlerkorrektur in den Computing-Stack zu leiten, ermöglicht es ihm, dieses neue Kapitel aktiv mitzugestalten.
Eine wichtige Aufgabe wird es sein, die Latenz zu reduzieren. Für die Quantenfehlerkorrektur müsse ein Teil der Qubits auf dem Prozessor, die sogenannten „Syndrom-Qubits“, wiederholt gemessen werden, beginnt Burak seine Erklärung. Diese Messungen gäben zwar keinen Aufschluss über die berechneten Daten selbst, zeigten jedoch Anzeichen von Fehlern und lieferten Informationen darüber, ob eine Korrektur notwendig ist oder nicht. Eine Softwarekomponente – ein Decoder – müsse diesen Datenstrom sehr schnell in Entscheidungen umwandeln, fährt er fort. „Ist er zu langsam, stauen sich die Daten an, und an bestimmten Schritten muss der Quantenprozessor auf die Antwort warten.“ Die Entwicklung effizienter Abläufe und Routinen für die Quantenfehlerkorrektur, die diese „Wartezeit“ – die Latenz – minimieren, deren softwaretechnische Umsetzung und die Integration in MQSS sind Buraks Hauptaufgabe, die eng mit der Arbeit anderer Teams bei MQV verzahnt ist. „Die Implementierung der Quantenfehlerkorrektur verbindet die Theorie und Entwicklung von Algorithmen zur Quantenfehlerkorrektur mit der Hardware- und Softwareentwicklung“, schwärmt der Informatiker, der große Freude daran hat, genau an dieser Schnittstelle zu arbeiten. Dass die Kollegen aus den anderen Teams nur wenige Schreibtische entfernt sitzen, erleichtert die enge Zusammenarbeit.
Buraks Kolleg:innen schätzen nicht nur sein umfangreiches Fachwissen und sein ruhiges, besonnenes Auftreten. An seinem allerersten Arbeitstag brachte er zur großen Freude der anderen Büro-Insassen eine Packung Lokum aaus dem Istanbuler Familienbetrieb mit, der üblicherweise Istanbuler Cafés und Restaurants mit der türkischen Süßigkeit versorgt. Als Kind habe er immer gerne in der Manufaktur, die bereits sein Großvater geführt habe und die heute seinem Vater gehöre, mitgeholfen, die Süßigkeiten in Schachteln verpackt und sich natürlich auch gerne als Testesser eingebracht, erzählt Burak mit einem Schmunzeln. „Immer wenn ich dort bin, nehme ich ein paar Schachteln mit. Ich werde auf jeden Fall noch mehr ins Büro mitbringen.“
Gegen Ende seiner Schulzeit in Istanbul war die Entscheidung, Informatik zu studieren, eher pragmatischer Natur, erinnert sich Burak: „Es war nicht so sehr eine Leidenschaft, würde ich sagen. Es war eher so: ‚Okay, ich glaube, darin bin ich gut.‘“ In späteren Semestern weckten Themen wie maschinelles Lernen dann eine gewisse Faszination und Begeisterung für das Fachgebiet. Die TUM, die in Buraks Interessengebieten als eine der besten Universitäten Europas galt, lockte den Studenten für sein Masterstudium nach München. „Und ich wollte auch eine neue Herausforderung. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nie in einer anderen Stadt gelebt“, fügt Burak hinzu. Herausfordernd war der Umzug allemal. Während seines ersten Studienjahres, als auch die COVID-19-Pandemie das alltägliche Leben erschwerte, musste der Student aufgrund des schwierigen Münchner Wohnungsmarkts sechs Mal umziehen. Doch davon ließ sich Burak nicht abschrecken. Heute lebt er mit seiner Frau und dem gemeinsamen kleinen Baby in München und fühlt sich ganz und gar angekommen in der bayerischen Landeshauptstadt. Er schätzt es, dass München eine etwas ruhigere Großstadt ist. „Ich liebe Istanbul und vermisse es, aber es ist eine große Metropole und kann chaotisch sein“, sagt er lachend. Wenn er auf die letzten Jahre zurückblickt, ist er auch ein wenig stolz: Als er nach München kam, habe er niemanden in der Stadt gekannt, sagt er, und habe auch keine wirklichen langfristigen Pläne gehabt. „Aber jetzt, nach sechs Jahren, habe ich eine fünf Monate alte Tochter. Ich bin Teil dieses sehr dynamischen Ökosystems und arbeite an einem der weltweit führenden Standorte für Quantencomputing. Wenn ich auf diesen Weg zurückblicke, bin ich wirklich stolz auf das, was wir erreicht haben – auch als Familie.“
Veröffentlicht am 30. Oktober 2026; Interview am 13. Oktober 2026