Dimitris Tsevas macht es Spaß, die Natur unter Kontrolle zu haben und physikalische Effekte gezielt für Anwendungen nutzbar zu machen. Mit großer Freude an präziser Ingenieursarbeit baut er zusammen mit seinen Teamkollegen am Max-Planck-Institut für Quantenoptik einen Quantencomputer aus gefangenen Atomen. Bei den vielen technologischen Hürden, die es noch zu meistern gibt, steht für den jungen Physiker dabei nie das Problem, sondern immer die Lösung im Fokus.
Von Maria Poxleitner
„Ich mag unseren Regenbogen.“ Dimitris Tsevas steht im Labor der „MQV Quantum Computing“-Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (MPQ) und betrachtet zufrieden das große Experiment, das er und seine Teamkollegen in den letzten Jahren zusammen aufgebaut haben. Der 30-jährige Physiker blickt Richtung Vakuumkammer. Die kleine Glaszelle, in der sich Atome befinden, die als Qubits eines Quantencomputers fungieren, liegt versteckt zwischen zahlreichen optischen Bauteilen wie Linsen und Spiegeln und Strängen von Kabeln. Dimitris beobachtet fasziniert wie verschiedene Laser schnell hintereinander „aufblitzen“. Die Wellenlänge der einzelnen Laser bestimmt dabei deren Farbe. „Wir haben 405 und 408 Nanometer, beides stark violett. 421, das ist schon ein bisschen bläulicher. 461, ein kräftiges Blau. Und sieben rote, von 633 bis 707 Nanometer.“ Dazu kämen noch eine Reihe von Infrarot- und UV-Lasern, also Laser aus dem nicht-sichtbaren Spektrum. Um all die verschiedenfarbigen Laser aufzulisten, muss Dimitris nicht lange überlegen, mit dem Experiment ist der Doktorand bestens vertraut. Auch die Aufgabe jedes einzelnen Lasers kann er aus dem Stehgreif benennen. Etwas zusammengefasst dienen die zahlreichen Laser dazu, die Atome zu kühlen und zu fangen, den Quantenzustand der einzelnen Atome zu verändern und sie miteinander wechselwirken zu lassen.
Nicht mehr lange und Dimitris wird seine Promotion abschließen. Im Rahmen seiner Doktorarbeit war er vorrangig mit der Aufgabe betraut, die Atome in Interaktion zu bringen. „Um die Atome gezielt miteinander wechselwirken zu lassen verwenden wir Rydberg-Zustände“, beginnt der junge Physiker zu erklären. Als Rydberg-Zustand bezeichne man einen speziellen Zustand des Atoms, in dem eines seiner Elektronen sehr weit vom Kern entfernt sei. Aufgrund des großen Abstands zwischen dem negativ geladenen Elektron und dem positiv geladenen Rest des Atoms, bildet ein Rydberg-Atom einen elektrischen Dipol. Analog dazu wie sich Kompassnadeln als magnetische Dipole gegenseitig beeinflussen, beeinflussen sich auch Atome im Rydberg-Zustand gegenseitig. „Wir nutzen diese Wechselwirkung, um Zwei-Qubit-Gatter zu realisieren und die Atome miteinander zu verschränken,“ hält der Doktorand fest. Erst damit ließen sich schließlich echte Quantenberechnungen auf dem aus Atomen bestehenden Prozessor ausführen.
Die Entscheidung Physik zu studieren traf Dimitris erst kurz vor Ende seiner Schulzeit. „Ich habe mir gedacht, dass ein Physikstudium alle Sachen beinhaltet, die ich mag: Mathe, Simulationen, Modelle, sich mit der Natur befassen.“ Der gebürtige Münchner wuchs in Athen auf und besuchte dort die griechische Abteilung der deutschen Schule. „Wir hatten alle geisteswissenschaftlichen Fächer auf Griechisch und allte naturwissenschaftlichen Fächer auf Deutsch. Das war sehr cool.“ Die Großeltern aus München besuchten er, sein Bruder und seine Eltern regelmäßig. Familie vor Ort zu haben sowie der gute Ruf der Universitäten hätten die Entscheidung, für das Studium von Athen nach München zu ziehen, leicht gemacht, erzählt Dimitris. An Griechenland vermisse er am meisten das Meer und die Möglichkeit zu tauchen. „Ich liebe Tauchen! Schon immer.“ Dabei tauche er frei, ohne Sauerstoff. „Flossen an und runter.“ Bis zu zehn Meter Tiefe sei für ihn kein Problem, danach machten leider seine Ohren nicht mehr mit. Riffe erkunden, Muschelschalen hochtauchen – für ihn sei das die beste Erholung, die der Sommer zu bieten habe.
Position
Doktorand
Institut
Max-Planck-Institut für Quantenoptik – Abteilung für Quanten-Vielteilchensysteme
TAQC
Studium
Physik
Dimitris ist am Aufbau eines Neutralatom-Quantencomputers beteiligt. Im Rahmen seiner Promotion arbeitet er daran, die Atome – die mit Hilfe von Laserstrahlen gefangen und zu einem Prozessor angeordnet werden – gezielt miteinander wechselwirken zu lassen. Diese kontrollierte Wechselwirkung ist eine wesentliche Voraussetzung, um Quantenberechnungen auf dem aus Atomen bestehenden Prozessor ausführen zu können.
Auf Sonnencreme darf Dimitris bei seinen Tauchgängen nicht verzichten. Er habe die deutsche Haut seiner Mutter, scherzt er. Doch nicht nur der Sommer am Meer, auch die Arbeit in einem optischen Labor ohne Tageslicht birgt ein gewisses Sonnenbrandrisiko. Um Atome in Rydberg-Zustände anzuregen, brauche es energiereiche Photonen aus dem ultravioletten Bereich, erklärt der Physiker. „Die Wellenlänge meines UV-Lasers liegt im Sonnenspektrum.“ Weil das UV-Licht, wie das Licht aller anderen Laser auch, an Staubpartikeln, Unebenheiten auf Spiegeln und so weiter zu einem sehr kleinen Anteil unkontrolliert in verschiedene Richtungen gestreut werde, müsse bei der Arbeit am laufenden Experiment ein Gesichtsschutz getragen werden. Vielleicht wäre Sonnencreme auch für sein Labor eine Lösung, überlegt Dimitris belustigt.
Die Arbeit mit UV-Lasern bringt aber noch weitaus größere Herausforderungen mit sich als sich vor Sonnenbrand schützen zu müssen. Zum Beispiel wenn man Glasfasern einsetzen möchte. Diese bieten in optischen Experimenten unter anderem den Vorteil, dass sich Licht sehr flexibel von einer Stelle zur anderen führen lässt. Der Laser und das Ziel, das der Laserstrahl treffen soll – in Dimitris Fall die Atome in der Vakuumzelle – können damit auch voneinander entfernt positioniert werden. Auch lässt sich der Laserstrahl mit einer Glasfaser stabiler auf das Ziel ausrichten. „Eigentlich sind Glasfasern für uns einfach ein Werkzeug. Wir kaufen sie, wir benutzen sie, Punkt“, erzählt der Physiker. Doch Fasern für UV-Licht seien eher Forschungsobjekte als Werkzeuge und nicht kommerziell erhältlich. Grund hierfür ist ein Effekt, der als Solarisation bezeichnet wird. Die energiereiche UV-Strahlung setzt im Glas chemische Reaktionen in Gange, die dazu führen, dass dessen Lichtdurchlässigkeit stark abnimmt. „Wenn ich eine ganz normale Glasfaser nehme und UV-Licht durchschicke, ist die Transmission in ein paar Stunden auf null. Dann geht nichts mehr durch.“
Die Lösung des Problems liege in einer Art „Passivierungsprozess“, fährt der Doktorand fort, bei dem man in einem ersten Schritt Wasserstoff in der Glasfaser anreichere. Durch die im Glas dann zusätzlich vorhandenen Wasserstoffmoleküle rege das UV-Licht, das man im zweiten Schritt durch die Faser schicke, andere Reaktionen an, deren Ergebnis sich nicht auf die UV-Transmission auswirke. „Die Glasfaser bleibt dann dauerhaft transparent für UV-Licht.“ Die Wasserstoffanreicherung hätten sie von einer Firma durchführen lassen, die über eine entsprechende Vorrichtung verfüge, erzählt Dimitris. „Dabei müssen die Fasern für zwei Wochen bei über 40 Grad in einer mit Wasserstoffgas befüllten Druckkammer gelagert werden. Es braucht 100 bis 200 bar!“ Im Wasser entspräche das dem Druck bei 1000 bis 2000 Metern Tiefe. Doch auch die Handhabung der Fasern nach ihrem „Wasserstoffbad“, vor allem das Einkoppeln des UV-Lichts in die Faser, sei mit zahlreichen Tücken verbunden. Zusammen mit einem Kollegen habe er viel Zeit und Nerven in die Herstellung von UV-Fasern investiert. Wenn Dimitris von den Schwierigkeiten erzählt, mit denen sie dabei konfrontiert wurden, scheint jedoch nie das Problem im Fokus zu stehen. Vielmehr scheint die Begeisterung zu überwiegen, wenn er dem Grund für das Problem Schritt für Schritt auf die Schliche kommt und sich nach und nach die Lösung des Problems abzeichnet. Mittlerweile hätten sie UV-Fasern mehrere Wochen lang erfolgreich im Experiment verwendet, sagt der Doktorand. Dass die Wasserstoffanreicherung an eine Firma ausgelagert werden müsse, mache das Ganze jedoch zu einer langwierigen und unflexiblen Angelegenheit. „Wechsel zu neuen UV-Wellenlängen oder Fehler beim Passivierungs-Prozess sind so mit monatelangen Wartezeiten verbunden“, fügt Dimitris hinzu und die Augen hinter der runden Brille verraten, dass ihm ein derartiger Ablauf viel zu ineffizient ist. „Als ich in einem Meeting um Erlaubnis gebeten habe, eine Wasserstoff-Druckkammer in den Garten des MPQs zu bauen, hat mein Postdoc wortlos sein Handy gezückt und uns allen ein Foto der explodierenden Hindenburg gezeigt“, erzählt er lachend. Selbstverständlich sehe er ein, dass man nicht so ohne Weiteres eine solche Anlage am MPQ errichten könne. Ihre Erkenntnisse hätten deshalb erstmal zu einer sehr pragmatischen Lösung geführt: Auf die Vorteile von UV-Fasern zu verzichten und den UV-Laser ganz nah an der Vakuumkammer mit den Atomen zu platzieren. Für ihr Experiment sei das aktuell erstmal ausreichend.
Umso größer ist die Freude, dass sie an anderer Stelle einen großen Durchbruch erzielen konnten: „Dass wir es als Team geschafft haben, endlich das Problem mit den elektrischen Feldern zu lösen – darauf bin ich besonders stolz.“ Überall im Experiment, wo nicht-leitende Materialien verbaut sind, könnten elektrische Ladungen sitzen, beginnt der Physiker seine Erklärung, insbesondere auch auf den Glaswänden der Vakuumzelle. Das passiere ganz automatisch, weil das Laserlicht immer wieder mal Elektronen aus dem Material rausschlage. Weil die Ladungen auf nicht-leitenden Materialien wie Glas nicht abfließen können, bilde sich innerhalb der Glaszelle ein elektrisches Feld aus. Atome im Rydberg-Zustand, als elektrische Dipole, reagierten sehr empfindlich auf diese ungewollten elektrischen Felder, führt Dimitris weiter aus. „Das Energieniveau des Rydberg-Zustands, und somit auch die benötigte Laserfrequenz, mit der ich das Atom in diesen Zustand anrege, verschiebt sich andauernd.“ Mehrmals am Tag müsse nachgemessen werden, was jetzt gerade die richtige Übergangsfrequenz sei, und der Laser dann darauf eingestellt werden. „Ansonsten funktioniert nichts mehr mit den Zwei-Qubit-Gattern.“ Damit kämpften alle Labore weltweit. Aus einem befreundeten chinesischen Labor sei schließlich eine eigentlich simple, aber sehr pfiffige Idee gekommen: Ein Teil der vielen Atome, die sich zu Beginn erstmal als ungeordnete „Wolke“ in der Vakuumzelle befinden, wird mit Hilfe eines Lasers ionisiert. Die dabei entstehenden freien Ladungen werden entlang der Feldlinien an die Wände der Glaszelle gezogen und zwar so lange, bis sich ein Gegenfeld aufgebaut hat, welches das unerwünschte Störfeld aufhebt. Erst im Anschluss würden Atome aus der „Wolke” mit weiteren Lasern gefangen und in regelmäßigen Abständen zum Quantenprozessor angeordnet. Aufbauend auf dieser Idee aus China, erarbeitete das Team aus Dimitris Labor eine deutlich effizientere, universellere und günstigere Lösung, um die Atome zu ionisieren und das Störfeld zu beseitigen. Das Labor aus China habe für die Ionisierung einen UV-Laser benutzt, erzählt Dimitris. Sie hingegen hätten zeigen können, dass die Ionisierung sogar schneller funktioniere, wenn man eine einfache blaue Laserdiode verwende, welche zum einen deutlich günstiger sei als ein UV-Laser und zum anderen viel einfacher in der Handhabung. „Man nimmt die Diode, steckt Strom rein, richtet sie auf die Atomwolke. Fertig.“ Zudem hätten sie zeigen können, dass ihre Methode für alle relevanten Elemente funktioniere, ganz egal ob ein Labor nun beispielsweise mit Strontium-, Ytterbium-, Rubidium-, oder Caesium-Atomen arbeite. „Wir hingen an der Sache über ein Jahr. Das war ein großes Ding.“ Gerade schreibt Dimitris eifrig an der Publikation dazu.
Unerwünschte elektrische Felder ausmerzen und den Einsatz von UV-Fasern praktikabel machen – auf dem Weg zum Quantencomputer müssen viele, ganz unterschiedliche technologische Hürden gemeistert werden. Es treibt Dimitris an, diese Probleme anzupacken und gute, effiziente Lösungen zu finden, die die Forschungscommunity einen konkreten Schritt weiterbringen. Seine Forschungsarbeit sei dabei meist von einer Ingenieursperspektive heraus motiviert, sagt der Doktorand. Es mache ihm Spaß, die Natur unter Kontrolle zu haben. „Wir können sehen, dass die Natur so funktioniert, wie wir denken, und dass wir auf einem guten Weg sind, sie für unsere Zwecke nutzbar zu machen.“
Während seines Masterstudiums an der Ludwig-Maximilians-Universität kam Dimitris zum ersten Mal mit der Quantenoptik in Berührung. „Ich fand die Vorlesungen dazu hochkomplex, anspruchsvoll und interessant.“ Sie gefielen ihm so gut, dass er sich um einen Masterarbeitsplatz am MPQ bewarb. Im Anschluss noch zu promovieren war zunächst nicht fest geplant, doch beflügelt von seiner Masterarbeit, die sehr erfolgreich verlief und zu einer Patentanmeldung für die Formung von Laserstrahlen beitrug, entschied er sich dazu als Doktorand am MPQ zu bleiben. Es sei eine glückliche Fügung gewesen, dass genau zu diesem Zeitpunkt das Munich Quantum Valley gegründet worden sei und das MPQ in diesem Zuge Fördermittel für ein neues Quantencomputing-Labor erhalten habe. Für das neue Labor seien Doktorand:innen gesucht worden, erinnert sich Dimitris, und es habe geheißen, dass der Aufbau des Quantencomputers sehr präzise Ingenieursarbeit erfordere. „Das hat natürlich sehr gut zu meiner Motivation gepasst.“
Seit Beginn seiner Promotion im Januar 2022 hat sich in seinem Labor viel getan. „Damals befanden sich immerhin schon leere Schränke und Schubladen an der Wand und zwei leere Tische gab es auch schon“, erinnert sich Dimitris zurück. „Jetzt ist gerade noch genug Platz, um überall durchzugehen.“ Die vielen optischen Bauteile auf den Tischen, Tonnen von Elektronik über und unter den Tischen, mehrere bewegliche Schränke auf Rädern mit Schubladen, in denen sich ebenfalls Optiken, Elektronik und Laser befinden. „Ich bin stolz auf unsere Maschine und darauf, dass wir sie als Team gebaut haben“, sagt der Physiker mit Blick auf den komplexen Aufbau. „Jeder von uns ist besonders in den Teilen der Maschine spezialisiert, die er selbst entworfen und gebaut hat, aber wir haben gut zusammengearbeitet und alles zu einem funktionierenden Gesamten zusammengefügt.“
Eine Sache möchte Dimitris noch loswerden. Wenn man von den sehr spezifischen Ingenieursaufgaben einmal absehe, könne man das, worauf es in diesem Labor letztlich ankomme, sehr knapp zusammenfassen: „Alles hängt davon ab, wie gut wir unser Laserlicht formen können. Wir formen es räumlich, wir formen es zeitlich, wir formen es spektral.“ Der Großteil der vielen Bauteile und Komponenten im Experiment diene allein diesem Zweck. Es gebe nichts außer dem Laserlicht, was mit den Atomen, ihren Qubits, interagiere. „Wir haben Atome und Licht. Ende.“
Veröffentlicht am 31. August 2026; Interview am 27. Juli 2026